Unter den Klassikern der Philosophie nimmt Baruch de Spinoza (1632 - 1677) einen besonderen Rang ein: Sein Werk, dem er in seiner Hauptschrift, der Ethik, die vollendete Gestalt verlieh, übertraf sogar die Leistung Descartes', also des Denkers, der als Begründer der Philosophie der Neuzeit gilt; denn Spinoza - wie Descartes Autodidakt in der Erörterung philosophischer Fragen - brachte konstruktiv-kritisch und mit größter systematischer Klarheit auf den Punkt, was aus den Schriften seines großen Vorgängers zu folgern war: Die Welt, in der wir leben, ist keine opake, von einem Gott geschaffene Gegebenheit, auf die wir uns irgendwie einstellen müssen, sondern sie ist rational erschließbar. In allem, was ist, zeigt sich die Ratio Gottes - Deus sive natura, Gott und Natur sind dasselbe. Dieser Gedanke - später Pantheismus genannt - traf zu Lebzeiten Spinozas auf heftigste Kritik, denn er war mit den fundamentalen Grundsätzen des Christentums nicht vereinbar.
Die Wirkung blieb zunächst gering. Den Durchbruch brachte erst der sogenannte Pantheismusstreit in der deutschen Philosophie, den Moses Mendelssohn 1785 auslöste, als er unter Berufung auf Lessing und seine Kenntnis der Werke Spinozas die Auffassung vertrat, ein geläuterter Pantheismus sei weder für die Religion noch für die Sittlichkeit von Schaden. Dagegen erhob F. H. Jacobi umgehend Protest mit seiner folgenreichen Schrift
Über die Lehre des Spinoza (PhB Band 517). Er hielt den Spinozismus zwar für das einzige konsequente philosophische System, verurteilte ihn jedoch aus Glaubensgründen und ließ verlauten, der späte Lessing habe sich zum Spinozismus bekannt.
Diese Kontroverse bewegte die ganze literarische Welt und begründete die spekulative Rezeption der Werke Spinozas im Deutschen Idealismus, die die "Blüte der philologisch-historischen Spinoza-Forschung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert erst möglich gemacht" hat (Rainer Specht).
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Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glinzer